Die optimale Welpenprägung

Welpenprägung in meiner Zuchtstätte in der Schweiz
„Die ersten 10 Wochen“ von Ursula Bührer

Als Tierpsychologin und Züchterin weiß ich von der Notwendigkeit, dass die Prägung und die Sozialisation der Welpen nicht erst beim neuen Hundehalter beginnen sollte. Mit diesem Artikel möchte ich Euch aus dem Alltag der Welpenaufzucht berichten.

Wenn ein Welpe geboren wird, bleiben höchstens 16 Wochen, um den Winzling auf sein kommendes Leben vorzubereiten. 10 Wochen bleiben sie bei mir als Züchterin, bis der neue Halter, oft Neuling auf dem Hundegebiet, das kleine warme Bündel übernimmt. Da bleiben nur noch wenige Wochen, um den kleinen wissbegierigen Welpen an alles Neue im Leben zu gewöhnen. Oft überfordert, teilweise unwissend, wird viel wertvolle Zeit verpasst, das Richtige zu tun. Zudem wäre der Welpe überfordert, wenn erst in den ersten Wochen bei dem neuen Besitzer mit der Prägung begonnen werden würde.

Es sollten also in den ersten 10 Wochen (in Deutschland bis zur vollendeten 8. Lebenswoche) in der Zuchtstätte die optimalsten Bedingungen geschaffen werden. Alle positiven, negativen sowie keine Erfahrungen bilden zusammen mit dem rassespezifischen Charakter sein Wesen.

Die Aufzucht

Umweltgeräusche:

In vielen Fällen leben die Züchter/innen etwas abseits der lärmenden Großstädte, daher wachsen natürlich die Welpen in einer zu ruhigen Umgebung auf. Es gibt kein oder wenig Verkehr, wenig Menschen, wenig Umweltreize, die die kleinen Welpen mitbekommen. Diese heile Welt stimmt aber nicht mit dem zukünftigen Leben überein. Künstliche Geräuschekulissen sollten hier eingesetzt werden, um der Schreckhaftigkeit der Welpen entgegenzuwirken.

Das erste Geräusch, das die Welpen erfahren können, wären z.B. Metalldeckel. Diese können durch das Stanzen eines Loches (scharfe Stellen unbedingt entfernen) in der Mitte zusammengebunden werden. Wenn die Welpen das schützende Nest mit 2-3 Wochen verlassen, stolpern sie über diese nicht zu laute Lärmquelle.

Im Welpengehege liegen z.B. PET-Flaschen gefüllt mit kleinen Steinchen, Maiskörnern etc., leere Konserven-dosen in einem Sack u.ä., dabei sind weiteren Ideen keine Grenzen gesetzt. Wenn die Welpen größer werden und mit diesen Utensilien spielen, wird es als selbstverständlich hingenommen, dass es auch Lärm gibt. Pfannen-deckel, Staubsauger, Haarfön, Radio und viele andere Haushaltsgeräte helfen bei der Lärmprägung mit.

Geräusche CD’s können den Welpen vorgespielt werden. Hochfrequenztöne, Geräusche vom Auto bis zum Zug, alles, was das Leben lärmig macht, wird erst auf leiser Frequenz abgespielt, und mit zunehmendem Alter wird auch die Frequenz gesteigert, bis zur ungemütlichen Lautstärke.

Menschenprägung:

Genügend Betrieb in einer Zucht ist sehr förderlich für eine gute Prägung auf den Menschen, dabei ist es egal, ob von der eigenen Familie, Besuchern oder den Nachbarskindern, was aber natürlich unter Aufsicht des Züchters passieren sollte, damit eben keine negative Prägung entstehen kann. Es sollte aber der goldene Mittelweg gewählt werden, denn das Kooikerhondje speichert wie wir wissen schlechte übertriebene Erfahrungen genauso schnell wie positive. Es ist immer wieder mit viel Aufregung verbunden, wenn interessierte Käufer oder zukünftige Besitzer die kleinen Welpen besuchen. Frauen, Männer und Kinder sollten immer willkommener Besuch sein, der unbewusst mithilft, die Welpen auf unterschiedliche Menschen zu prägen. Die liebevolle Betreuung des/der Züchter/in schafft das nötige Vertrauen zu Menschen. Inniger, liebevoller Körperkontakt, ausgelassene Spiele und viel Anwesenheit verstärkt die Bindung zum Menschen. Wer als Züchter denkt, er müsste nur Futter hinstellen und das Welpengehege reinigen, sollte sich lieber mit weniger anspruchsvollen Dingen wie dem Züchten beschäftigen, denn das ist in den Wochen der Aufzucht in der Zuchtstätte ein Full-time- Job!!!

Natürlich brauchen die Welpen nach viel Aufregung einige Stunden wohlverdienten Schlaf, sonst werden sie überdreht und nervös, was auch schädlich sein kann.

Beschäftigungen:

Das große Welpengehege, innen wie außen, sollte möglichst abwechslungsreich eingerichtet sein. Verschiedene Erkundungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten wie Kletter- und Versteckspiele, ein Tunnel und Wackelbretter fördern die Lernbereitschaft des jungen Hundes, sowie die Möglichkeit, Strategien zu entwickeln, die er dann wieder testen und anwenden kann. Wichtig dabei ist, dass die Welpen diese Geräte selbst erkunden können, denn die Selbsterfahrung und das eigendynamische Lernen ist wesentlich für die Entwicklung.

Verschiedene Bodenbeschaffenheiten wie Wiese, Kies und Beton sollten angeboten werden. Die Welpen, die früh lernen auf Gras ihr Geschäft zu verrichten, können als fast stubenrein abgegeben werden.

Prägung außerhalb der Zuchtstätte:

Bei uns in der Schweiz werden die kleinen Welpen mit 8 Wochen das erste Mal geimpft. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, um die Welpen auf das Leben außerhalb der schützenden Zuchtstätte vorzubereiten. Ich weiß, der Impfschutz ist noch nicht optimal, doch bin ich der Auffassung, dass die Prägung keinen Aufschub duldet. Das Risiko einer ansteckenden Krankheit ist minimal und der positive Effekt einer solchen Prägung ist großartig und der Nutzen übertrifft das Risiko um das Vielfache.

Waldspaziergang:

Die ersten Wald- oder Feldspaziergänge mit der Mutterhündin und mit den Geschwistern ist ein besonderes Erlebnis für die Vier- sowie Zweibeiner. Ganz besonders wichtig erachte ich hier die Anwesenheit der „sicheren“ Mutterhündin, die den Welpen Unbekümmertheit vermitteln kann. Nehmen sie helfende Personen mit, um die Kleinen zu überwachen. Da und dort gibt es Interessantes zum Schnüffeln, das erste Mal kann auf einem Baumstamm balanciert, oder sich in einem Wassertümpel gesuhlt werden und noch Vieles mehr, was für die Welpen, aber auch für alle anderen viel Spaß bedeutet. Ein Welpe ist sicher mutiger als der andere und der ängstlichere Welpe lernt vom Zuschauen, was er alles riskieren kann und wird durch den mutigeren Welpen animiert mitzumachen. Die Mutterhündin und der/die Züchter/in sollten ein waches Auge auf die Eroberer haben und greifen nur bei Gefahr ein. Alle 2-3 Tage einen solchen Spaziergang von kurzer Dauer, keine Gewaltmärsche, sondern eine Erlebnistour, regen die Erlebniswelt der Welpen an, außerdem nimmt es, in der Gegenwart der Mutter, die Angst vor allem Neuen. Damit verbunden ist natürlich die Autofahrt bis zu einem solchen sicheren Wald- oder Feldweg, was den positiven Effekt hat, dass die Welpen auch das Autofahren schon kennenglernt haben, bevor sie an ihre neuen Besitzer abgegeben werden.

Leinengewöhnung:

Die Leine kann auch schon zur Anwendung kommen, damit die Kleinen mit diesem oft „störenden Objekt“ in Verbindung kommen. Wie störrische Ponys benehmen sich die einen, die anderen laufen keinen Schritt, aber es gibt auch Welpen, die sich damit bewegen, als wenn sie nie etwas Anderes gemacht hätten. Aber wenn die Mutter dabei ist und die Kleinen begleiten kann, ist das für alle bald kein Problem mehr.

 

Umweltgewöhnung:

Die ganze Schar wird zu einer leicht frequentierten Strasse geführt. Lassen Sie die Welpen alle Eindrücke auf sich wirken. Leckerbissen verbinden das Gesehene mit etwas Positiven, aber nicht für die ängstlichen Welpen, wir möchten ja nicht die Angst belohnen. Ängstliche Welpen werden nicht beschwichtigt, aber als weiser und erfahrener Züchter stelle ich mich zwischen den ängstlichen Welpen und dem angstmachenden Geräusch. So gebe ich die Sicherheit, dass ich als kompetenter Hundeführer die Situation im Griff habe.

Wasserprägung:

Toll für jeden Hund, der Zugang zu dem kühlenden Element an einem heißen Tag findet.

Erlauben es die Temperaturen, sind einige Fahrten zum nächsten ungefährlichen Gewässer, ob See oder Bach, sehr prägend. Das Spiel der Welpen ist herzerfrischend. Gegenseitig animieren sich die Welpen, das kühle Nass zu erkunden. Natürlich dürfen auch hier die Welpen ihr eigenes Tempo angeben. Ein Hindernis zu überwinden ist verbunden mit einem gesunden entwickelten Selbstwertgefühl. Anschließend werden alle Welpen trocken gerubbelt.

 

Zusammenfassung

Die Welpen sollten langsam auf ihre Zeit in der neuen Familie vorbereitet werden. Ich empfehle den neuen Besitzern, die Welpen in den ersten Wochen in einer geräumigen Transportbox, mit einer Schlafdecke versehen, neben ihrem Bett schlafen zu lassen. Dies fördert nicht nur die Beziehung zum neuen Rudelführer, sondern es ist auch einfach, nachts die Versäuberungszeiten des Welpen zu überwachen, was also auch ein Teil des Stubenreinheitstrainings ist. Für diesen späteren Zweck stelle ich schon früh einige Transportboxen in das Welpengehege, um die Kleinen bereits im frühen Alter an die Box zu gewöhnen. Ist die Box entdeckt, wird die Box gelegentlich mit dem Gitter geschlossen und der Welpe lernt, in der geschlossenen Höhle zu schlafen. Dies sieht man auch immer wieder bei Wölfen, die sich nur in einer Höhle entspannt ausruhen können, was aber auch noch in unseren domestizierten Hunden tief drinnen steckt.

Diese prägende Zeit ist sehr kurz, aber absolut empfehlenswert, soviel an guter Prägung dem kleinen Wesen auf seinen Lebensweg mitzugeben. Natürlich ist es sehr zeitintensiv, aber, wenn wir die Welpen in einem super sozialisierten Zustand den neuen Besitzer übergeben, können wir auf unsere Leistung stolz sein, aber vor allem darauf, dass wir unseren „Schätzen“ alles mitgegeben haben, was sie für einen guten Start ins weiter Leben benötigen. Als wirklich gute Züchter/innen sind wir es, neben der Gesundheit und der Schönheit, den Welpen und den zukünftigen Hundebesitzer gegenüber schuldig, unser Bestes zu tun und über eine sehr gute Prägung in der Zuchtstätte wesensfeste Hunde zu züchten.

Heute hat diese umsichtige vielfältige Prägung sogar einen tiefen Grund erhalten und wird in der „Epigenetik“ wissenschaftlich erklärt. Lesen Sie mehr dazu unter www.kynologos.ch/ kostenloser Service/ Wissen aktuell

Ihre/eure

Ursula Bührer, Kooikerhondje of White Sparkle, Schweiz